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Adventkalender 2007
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9.
Dezember 2007 |
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Das geflügelte Geschenk |
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"Liebes Christkind ich fand kein Spielzeug für 10
Franken das ich mir wünschen würde, aber einen
Wunsch hätte ich schon. Könntest Du mir eine Ente,
eine weiße, zur Weihnacht bringen?" |
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Früher war alles ein bisschen anders, auch
Weihnachten. Mehr als 50 Jahre ist es her; damals
als wir unsere Wünsche auf einen Wunschzettel
schreiben durften.
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Im Waisenhaus in Zürich schrieben viele Kinder jedes
Jahr einen Wunschzettel An das Christkind im
Himmel. Und wir wussten, dass unser Wunsch nur
dann erfüllt würde, wenn das erhoffte Geschenk nicht
mehr als 10 Schweizer Franken kostete. |
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Was konnten wir nicht alles haben für 10 Franken! In
den Katalogen der Spielzeuggeschäfte fanden wir
vieles: "Nur 7,50 Franken nur 10 Franken" wir
mussten sorgfältig aussuchen; da gab es so manches
das nur 5 Franken kostete, und das wir eigentlich
haben wollten, aber wir wollten die jährliche,
einmalige Chance nicht einfach vertun. |
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Es war nicht leicht, und einmal war es für mich
unmöglich. |
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Ich konnte
mich nicht entschließen; nichts gefiel mir aus dem
Katalog, nichts, was mit zehn Franken und darunter
angeschrieben war. Und eigentlich wollte ich auch
gar kein Spielzeug haben, ich wünschte mir eine
Ente. |
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Ja, eine richtige, lebendige Ente, genau gesagt,
eine weiße Ente. Eine Ente die mir ganz allein
gehören sollte. |
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Wir hatten im Waisenhaus Hühner, die uns die Eier
lieferten. Wir hatten auch Enten. Enteneier soll man
nur zum backen verwenden, sagte unsere Köchin. Wir
hatten Hühner- und Enteneier, die ich jeden Tag
einsammeln und in die Küche bringen musste. Auch das
Zählen und Wiegen der Eier war meine Aufgabe. Jeden
Samstag musste ich das Hühnerhaus und die zwei
Entenhäuschen säubern und natürlich auch Futter
bringen. |
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Es war ein begehrter Job im Waisenhaus, viel besser
als Treppen reinigen oder Mühleimer leeren. Ich war
Herr über Hühner und Enten oder doch eher der
Diener. Der «Herr» war nämlich Fräulein Lehmann,
eine ältere Frau mit einem großen Kropf und immer
frommen Worten, mit denen sie ihren Glauben an den
lieben Gott bekannt gab. Sie gab auch bekannt, wenn
die Hühner oder die Enten in die Küche gebracht
werden mussten. |
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Und wenn unser Gärtner, der Herr Stoll nicht da war,
dann hackte das Fräulein Lehmann den Hühnern den
Kopf ab auch den Enten. Und alle, die Fräulein
Anna, die Fräulein Ida und die anderen Frauen, die
im Waisenhaus zu den Bediensteten gehörten, rupften
meinen Hühnern und Enten die Federn aus; den Rest
übernahm die Köchin. |
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Gebratene Hühner oder Entenbraten, wer hätte da
nicht gerne mit gegessen? Ich! |
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Ich war krank und entschuldigt. Ich bekam in der
Küche etwas anderes zu essen. Obwohl ich auch gerne
Hühner aß, aber nur fremde, nicht meine eigenen.
Ente liebte ich nicht so sehr damals kannte ich "canard a l'orange"
noch nicht. |
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Wenn ich eine eigene Ente hätte, so dachte ich,
würde diese nie in die Küche müssen, dürfte ewig
leben und schnattern und im kleinen Teich schwimmen
und Eier legen; vielleicht sogar junge Entchen
bekommen die gehörten dann auch mir, oder? |
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Soweit dachte ich damals nicht. |
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Ich fragte mich nur, ob
denn so eine Ente mehr als 10 Franken kosten würde.
Niemand wusste es, keines der Kinder im Waisenhaus
oder in der Schule wusste es. Und meinen Chef, die
Frau Lehmann, getraute ich mich nicht zu fragen. Ich
stellte mir vor, was sie mir antworten würde: "Bete
zum lieben Gott und sei schön brav und mache Deine
Arbeit genau und richtig, vielleicht wird Dein
Wunsch erhört und Du bekommst eine eigene Ente." |
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Das
Erbitten einer Ente vom lieben Gott schien mir
leicht zu sein. Aber ich wusste, dass das mit dem
brav sein und Arbeit gut und richtig machen nicht so
einfach war. |
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Damit würde ich beim lieben
Gott nichts erreichen, er wusste es sicher besser.
Also ließ ich das Beten und schrieb: "Liebes
Christkind ich fand kein Spielzeug für 10 Franken
das ich mir wünschen würde, aber einen Wunsch hätte
ich schon. Könntest Du mir eine Ente, eine weiße,
zur Weihnacht bringen? Ich weiß nicht, wie viel eine
Ente kostet, und wenn es zuviel ist, dann bringe mir
irgend etwas anderes, das nicht mehr als 10 Franken
kostet, ich weiß nicht was. Danke und liebe Grüße. Hansli." |
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Der zusammengefaltete Wunschzettel kam in
den kleinen Briefkasten in der großen Eingangshalle.
Und dann kam das lange Warten. |
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Bis am 24. Dezember, Heiligabend. |
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Der Speisesaal hatte eine Woche zuvor einen großen
Tannenbaum erhalten, so groß, er reichte bis unter
die Decke. Jetzt, am Heiligabend, brannten alle
Kerzen, vielleicht über hundert, alle weiß. Silberne
Kugeln glänzten, und silbernes Lametta schimmerte. |
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Da war wie jedes Jahr der Stall zu Bethlehem,
mit dem Ochsen und dem Esel, mit der Krippe und der
Maria und dem Josef und dem kleinen Jesuskind auf
Marias Schoß. Ein bisschen Heu, ein bisschen Stroh
und ein rotes Licht gab es im Stall, und auch Moos
auf dem Dach. |
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Jedes Jahr der gleiche Stall und jedes Jahr eine
neue Freude, alle drängten sich vor der Krippe, ich
auch. |
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Und manche blickten verstohlen in das Halbdunkel des
Speisesaals. Auf den Tischen waren nämlich all die
Pakete und Päckchen verteilt, kaum zu sehen, weil
weit weg vom Christbaum und dem Licht der Kerzen,
geheimnisvoll. Aber alle mussten sich auf die Stühle
setzen, die so angeordnet waren, dass der Stall zu
Bethlehem von jedem zu sehen war. |
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Und neben dem Stall setzte sich der Herr Meister hin
das war der höchste Chef im Waisenhaus, er las uns
die Weihnachtsgeschichte vor. Jedes Jahr die
gleiche, jedes Jahr mussten wir warten, bis der Herr
Meister fertig gelesen hatte. |
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Dieses Jahr hörte ich nicht zu. Ich war enttäuscht. |
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Wie hatte ich auch so blöd sein können und mir eine
eigene, richtig lebendige Ente zu wünschen. So etwas
konnte man doch nicht einpacken und als Paket auf
die Tische stellen. |
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Sicher war ein Paket für mich da, ganz sicher sogar,
aber ganz sicher war da keine Ente drin. Von mir aus
konnte die Geschichte so lange dauern, wie sie
wollte. Ich war nicht interessiert am Ende, nicht
neugierig darauf, was in meinem Paket war, es konnte
nur eine Enttäuschung sein. |
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Das wusste ich. |
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Und der Herr Meister las und
las und schnatterte... ja, da war ein Schnattern,
ganz deutlich war es zu vernehmen. Alle schauten
mich an, auch der Herr Meister. Alle lächelten und
schauten mich an. Und wieder ein ganz kleines
Schnattern. |
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Mein Gott - ich würde eine eigene Ente bekommen. Ein
Wunder. Und die Geschichte ging zu Ende, und das
Licht wurde angezündet. Einige rannten zu den
Tischen, einer rief: "Hansli, schau, schau
hier, hier ist Deine Ente, hier, unter dem Tisch." |
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Unter dem Tisch, in einem großen geflochtenen
Papierkorb war eine große, dicke, weiße Ente mit
gelben Schnabel und blauen Augen. Meine Anita! So
nannte ich sie, als ich sie sah, sofort. Weshalb
Anita? Ich weiß es nicht diese weiße, große Ente
war für mich Anita. Und keines der Mädchen im
Waisenhaus und niemand in der Schule hieß so. Anita. |
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Jetzt hatte ich meine eigene Ente sogar zum
Anfassen. |
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Und Anita ließ es sich gefallen. Ich nahm sie aus
dem Papierkorb, auf den Arm. Anita wehrte sich kaum;
sie war schwer. Ich kam mit meinem Gesicht ganz nahe
an ihren Kopf, sie zupfte mich sofort mit dem
Schnabel an den Haaren, sie kniff mich ein bisschen
ins Ohr. Hunger, ja Hunger musste sie haben, meine
arme Anita, und Durst. |
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Im
Papierkorb war zwar Heu, aber kein Wasser und keine
Körner. Anita musste zurück in den Papierkorb - ich
holte ihr Wasser und Körner. Und sie schaufelte die
Körner und schnäbelte im Wasser. Ich kannte doch die
Enten, ich hatte Erfahrung mit ihnen. |
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Wie viele Male hatte ich denn die Waisenhaus Enten
gefüttert jetzt fütterte ich Anita, meine eigene
Ente. |
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Natürlich musste Anita bald ins Entenhaus zu den
anderen Enten. Es war Nacht, Fräulein Lehmann kam
mit mir, um zu helfen. Sie sagte: "Siehst du Hansli,
dein Wunsch ging in Erfüllung. So ein schönes
Weihnachtsgeschenk hast du bekommen. Jetzt wirst du
dir sicher Mühe geben und versuchen, immer schön
brav zu sein und deine Arbeit gut und richtig zu
machen." |
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Ich habe es versucht, es gelang nicht
immer. Aber ich hatte eine eigene Ente, die nicht in
die Küche musste. Wenigstens nicht solange ich im
Waisenhaus war. |
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Drei Jahre später verließ ich das Waisenhaus. Anita
blieb dort, bei den anderen Enten.
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Ich hatte andere
Wünsche, von denen mancher in Erfüllung ging. Aber
eine eigene, weiße, dicke Ente mit gelbem Schnabel
und blauen Augen, so ein Geschenk gibt es nur einmal
im Leben; es war ein Märchen - es war einmal! Das
Waisenhaus Sonnenberg in Zürich heißt heute Kinder-
und Jugendheim. Es gibt keinen Hühnerhof mehr dort
und keine Enten. Es war einmal...
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Aber im Sonnenberg feiern Kinder und Erwachsene auch
1997 das Fest der Geschenke. |
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Fröhliche Weihnachten wünscht
Jan A. Loeffler, Colorado Springs, USA |
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Eine Weihnachtsgeschichte von Jan
A. Loeffler |
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Der in Zürich geborene Hans Alfred Löffler
emigrierte 1995 in die USA wo er unter dem dem
Künstlernamen Jan A. Loeffler mit seinen Skulpturen
auftrat. Jan oder Hans lebt heute in Denver,
Colorado |
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zum
Tagebuch |
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